Foto: Dietrich Bahß
Christian Platten
Die Stümperpassion
Erzählung mit farbigen Abbildungen
alter Lithographien
maritimer Flora und Fauna

Edition Erzählungen im Druckhaus Galrev
114 Seiten
ISBN 3-933149-38-X
14 E / 26 SFR
Bandnummer 63
Warengruppennummer 1 150


Christian Platten, geboren 1978 in Bergisch Gladbach
lebt in Köln, studiert dort Germanistik und
Geschichte
Der junge Agathon Zerfahlen empfindet sich als Mensch und Künstler gescheitert. Mit knapp dreißig Jahren lebt er noch bei und von der Mutter. Sein Studium hat er nie ernsthaft begonnen. Seine literarischen Versuche, auf die er alles gesetzt hat, erweisen sich als Stümpereien. Er ist nicht berufen, und somit gibt es für seinen außenseiterhaften, müßiggängerischen und parasitären Lebenswandel weder nach innen noch nach außen eine Rechtfertigung.

Um seinem entgleisten und so früh gescheiterten Leben noch irgendeinen Wert abzuringen, trifft er einen Entschluss: er will sich jetzt ganz der Einsamkeit, bewusst und willentlich dem Versagen und der seelischen Krankheit hingeben und seinen voraussichtlichen Niedergang in einem literarischen Protokoll verfolgen. Mit der Phantasie, die ihm durchaus gegeben ist, projiziert er einen psychischen Kreuzweg, den das Schicksal ihn zu gehen aufgetragen habe.

Dass an dessen Ende bekanntlich ein Kreuz steht, Symbol eines unschönen und qualvollen Endes, hindert ihn nicht, sondern erfüllt ihn im Gegenteil mit einer seltsam lustvollen Sehnsucht. Denn Kreuz, Kreuzweg und Schicksal sind schwere, tiefe, traurig-schöne Bilder und Begriffe, die das banale Scheitern seines eigentlichen Lebens großartig erhöhen.

Was bleibt am Ende? Wird man den Stümper nur lächerlich finden? Oder wird man heimlich der Erzählinstanz beipflichten, wenn sie spricht: Dass wir nämlich gegenüber allem, das auch nur ansatzweise einen Protest gegen das "Normale" und "Moderne" darstellt, eine tiefe Sympathie hegen, und wenn dieser Protest im Einzelfall albern misslingt, so ist er uns dennoch etwas wert; auch im lächerlich-elendsten Scheitern werden wir noch irgendwo die Spur eines schönen Seelenglanzes finden. C.P.

Und Frau Doktor Freudenstedte trug eine grell rote und gewagt geformte Lesebrille; über einem skeptisch dreinblickenden Gesicht hatte sie kurzes, hell blondiertes, willentlich verwirrtes Haar und ließ am linken Ohrläppchen einen frechen Schmuck baumeln, der ein mit geometrischen Figuren, rot-, gelb- und blaufarbigen Triangeln, Rechtecken und Kuben versehenes Miniaturmobile war; rot, gelb und blau waren ja auch die Werke des Niederländers Piet Mondrian, die mit ihren rechtwinkligen Formen die weiße Wand ihrer Praxis zierten; in einer Ecke übrigens, links hinter Frau Freudenstedtes gläsernem Schreibtisch, klammerte an einem lotrechten Stab ein fast mannshoher Rhododendron.

Gedrückt und gezwungen durch ein wachsendes seelisches Leiden, ungewiss, was er sich eigentlich davon erwarte, erfüllt jedenfalls von einer tiefen Reserve gegenüber Frau Doktor Freudenstedtes Äußerem sowie ihrem Berufsstand überhaupt, hatte sich Agathon, vielleicht auch aus literarischem Interesse, in psychologische Betreuung begeben.

Zunächst sprach er mit beredsamer Geläufigkeit von "sehr speziellen Voraussetzungen", redete pathetisch von "Künstlertum", nebulös von den "blutdurstigen Altären der Erkenntnis", gebrauchte häufig und mit wachsender Lust den Begriff der "Opferung" und bewegte sich überhaupt viel im Bereich einer dumpfen Religiosität, indem er diese mit der Kunst verknüpfte und die Kunst mit leuchtenden Augen einen Gottesdienst nannte; das alles waren Gemeinplätze, die zunächst einmal herzlich wenig besagten und die er womöglich ungeprüft aus irgendwelchen Büchern übernommen hatte; doch im Folgenden wurde er etwas genauer und persönlicher, indem er seinen eigenen Standpunkt in diese etwas unklar wabernde Sphäre von Kunst, Erkenntnis und dampfendem Gottesdienst hinein skizzierte: Er selbst sei nämlich gar kein Künstler - das müsse er sich mittlerweile wohl eingestehen - und auch kein Erkennender im echten Sinne, sondern im Gegenteil ein lahmer, dämmriger Geist; nicht schöne Kunstwerke könne er dem Gott und der Menschheit also entgegenrauchen lassen und keine genial neuartigen Erkenntnisse; was ihm folglich zur Opferung als Rohmaterial geblieben sei, das sei: das nackte Leben, die schiere Seele, das pure Selbst... Und während er sich noch eitel an dem hübschen Parallelismus erfreute, ihn neben Cäsars "Veni, vidi vici" stellte, kam ihm unwillkürlich eine Frage in den Kopf, die er vor Überraschung nicht für sich behielt, sondern laut stellte.
 
 

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