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Thomas Böhme: 
Nachklang des Feuers
Gedichte 1998 - 2004

mit 17 gediegenen Zeichnungen von Gino Hahnemann
Edition Galrev
112 Seiten, Bandnummer 62
ISBN  3-933149-37-1
15 E / 27,50 SFR
Warengruppennummer 1 150
 
Heimkehr der Schwimmer

Vom Fleisch verwilderte Flecken 

Alle Spur
wird Fell
 
 
Presse : 
 ...klingende, schwebende Wortspiele, geschrieben mit einem ausgeprägten Sinn für Schönheit, für Klänge und Farben ... Aber sie sind ... härter geworden, böse, sarkastisch, voll Verachtung für das Verhalten der Menschen in der Wendezeit ... und voll Trauer ... Wer also Hoffnung sucht wird sie nicht finden. Wer aber das Denken liebt, und, damit verbunden, Irritation, der sollte diese Gedichte lesen. 
Leipziger Volkszeitung 
 
"Vor allem in diesen späten Gedichten erweist sich der 1955 geborene Böhme als ein Meister des ausdrucksstarken Parlandotons, der seine lyrischen Mittel souverän beherrscht. ...Kein Zweifel: Thomas Böhme gehört zu den herausragenden Dichtern der jüngeren deutschsprachigen Lyrik." 
Das Gedicht 4/96 
 
"Prosa ohne Poesie, das wäre nicht Thomas Böhme. Er ist nicht einfach ein Erzähler, der schlichte Stories in schnell zugänglicher Syntax serviert. Thomas Böhme ist ein Erfinder von Natur aus. Nicht die Story erfindet sich Stil und Struktur. Stil und Struktur formen die Story. Nichts reizt Böhme mehr als Realität. Nichts ist für Böhme reizloser als die Wiederkehr der Wirklichkeit in die Literatur. ... Sprache schafft Struktur. Jedes Stück, das heißt jede Sequenz, ist ein Stück, das für sich gilt. Alle Stücke gelten für das Ganze. Mit dem Roman "Vom Fleisch verwilderte Flecken" bietet Böhme ein Buch erotischer Eleganz. Realistische, naturalistische, surrealistische Gestaltungsmöglichkeiten vermengend, erschreibt sich der Schriftsteller seine Realität, die Wahrheit hinter der Wahrheit der offensichtlichen Realität." 
Bernd Heimberger / ndl 
 
"Gleich, wovon Böhmes Erzählungen handeln- eine große Heiterkeit geht von ihnen aus, getragen wohl von einem neugierigen und bewunderndem Blick auf die überraschende Vielfältigkeit und Abenteuerlichkeit des Lebens." 
Helmuth Kiesel / FAZ 22.01.97 


"Wer daran glaubt, daß Feuer rauchlos, Luft klar, Wasser rein sein kann, ist in Böhmes Phantasieland gut aufgehoben. Sofern er nicht ignoriert, daß die bittere irdische realität in Masken herumscharwenzelt, die Trauer tragen wie die des venezianischen Karnevals. Wer so sehen kann, hat das Gefühl nicht verdrängt, Märchen zu sehen. Die modernen Märchen des Thomas Böhme beginnen: Es ist einmal..."
Bernd Heimberger / Mitteldeutsche Zeitung, 24. April 1999
 

Wann war der Tag genau, an dem wir erwachsen wurden? Der Dichter Thomas Böhmeschreibt über das, was uns kaum wert und vergessen schien, einen Blick auf uns selber zu wagen: wie wir nur über den Verlust unserer Kindheit zu Erwachsenen wurden. Mit dem Charme seiner Erfahrungen bietet er in seinem neuesten BandNachklang des Feuers
ein respektvolles Feuerwerk auf. Es sind Texte, die dem Absehbaren wie ihrer Unentschlossenheit Raum geben, dem Suchen nach Wunscherfüllung und dem reichen Rest aus Begabung, Leidenschaft und Phantasie, mit dem wir den Abläufen der sozialen Welt gehorchen, ehe wir sie beherrschen. Waren wir davon ausgegangen, das Orakel zu befragen, fragt das Orakel längst uns.
Gino Hahnemann

“Wir kennen ihn als Autor rhytmisch eleganter, berückend sinnlicher Verse, die – auch wenn scheinbar von ganz anderem die Rede ist – aufgeladen sind mit erotischer Spannung...

Die Welt des Lyrikers Böhme scheint sich nie ganz in der Gegenwart zu befinden, denn halb gehört sie dem Fin de siècle an, dessen Athmosphäre er immer wieder heraufbeschwört in Gedichten ... Auch spart er nicht mit Anspielungen auf und expliziten Huldigungen an die Dichter der klassischen Moderne – George, Rilke, die grossen Franzosen und immer wieder Jahnn. Doch wirkt diese Lyrik niemals museal oder akademisch, denn Böhme ist ein ganz und gar eigenständiger Dichter von großer Musikalität.”
KREUZER, Leipzig

“Vor allem in diesen späten Gedichten erweist sich der 1955 geborene Böhme als ein Meister des ausdrucksstarken Parlandotons, der seine lyrischen Mittel souverän beherrscht..., ist die Diktion des Leipziger Poeten eher traditionell, aber angesichts ihrer originellen wortschöpferischen Eleganz nicht weniger zeitgenössich. Kein Zweifel: Thomas Böhme gehört zu den herausragenden Dichtern der jüngeren deutschsprachigen Lyrik.”
Das Gedicht, München
Zeichnung: Gino Hahnemann




Eins nach dem andern
oder Warum nicht alles zugleich tun

Du hattest mich nach der Arbeit hinter den Buchstaben gefragt.
Ich sagte: Hinter der Arbeit der Buchstaben beginnt die Arbeit der Tiere.
- Und was kommt hinter der Arbeit der Tiere?
Hinter der Arbeit der Tiere, sagte ich, käme die Arbeit der Sterne.
- Die Arbeit der Sterne also. Dann kommt nichts mehr, nicht wahr?
- Nein, wenn die Arbeit der Sterne getan ist, ist alles, alles erledigt.
- Erst die Buchstaben, dann die Tiere, dann die Sterne, ist das richtig?
- Das ist richtig, genau diese Reihenfolge. Die Arbeit der Buchstaben ist es, den Dingen ihre Namen zu geben. Das kann lange dauern. Manchmal dauert es so lange, daß die Tiere schon zu murren beginnen. Sie wollen auch endlich anfangen, sie haben nicht so viel Zeit wie die Sterne.
- Und worin besteht ihre Arbeit, die Arbeit der Tiere?
- Die Arbeit der Tiere ist es, die Namen zu füttern, sie mit Honig, Milch, Eiern und Speck zu versorgen, ihnen Beeren, Nüsse, Bananen und süße Trauben zu pflücken. Kräuter und Pilze zu suchen, Blätter für Salat zu zupfen und Körner zu picken fürs Brot. Denn Namen, weißt du, sind einfach unersättlich.
- Und sie backen auch Brot für die Namen, die Tiere?
- Sie backen das Brot für die Namen in ihren erdwarmen Höhlen. Sie tragen zusammen, zerkleinern, bereiten zu und garnieren die Speisen mit Petersilie und Dill. Aus den Trauben schließlich keltern sie goldenen, kupfernen oder karmesinroten Wein. Das kann lange dauern, sehr lange.
- Länger als die Arbeit der Buchstaben?
- Viel, viel länger, doch die Sterne gedulden sich. Die Sterne haben
eine andere Zeitrechnung. Wie Sekunden vergehen ihnen die Jahre.
- Und was tun die Sterne, wenn die Arbeit der Tiere getan ist?
- Nun, die Sterne erhalten die Ordnung des Ganzen. Ziehen Linien
von da nach dort und von dort nach da, zeichnen Dreiecke, Kreise,
Ellipsen und Achterbahnen. Bauen Würfel und Pyramiden, Kugeln,
Zylinder und Pentagondodekaeder. Das kann lange dauern,
viel, viel länger als alles.
- Sie könnten doch alle zugleich beginnen, sagtest du, die Buchstaben damit, den Dingen Namen zu geben, die Tiere, die Namen zu ernähren, die Sterne, das ganze in Ordnung zu halten?
- Könnten sie, sagte ich. Wenn sie das täten, wäre die Welt fast vollkommen, fast im Gleichgewicht, wenn da nicht...
- Wenn da nicht was, sag schon, was würde der Welt dann noch fehlen?
- Wenn da nicht fehlte, was aller Arbeit erst Wert verleiht und den Dingen in ihrer Vergänglichkeit ihren Zauber und Glanz,
wenn da nicht fehlte – das Warten.


Dämmerung mit Dingen

93 Seiten, 12,50 €, 23 SFR, ISBN 3-933149-26-6 
mit Fotografien des Autors

WENN DAS GEHEN DEM VERLAUFEN ZUGUTE KOMMT, beginnt die Zeit, kein Ziel mehr zu haben: So kommt es mir vor, wenn ich an Alker und Bell denke, den Alten und den Jungen, die aus ihrer Stadt LU fliehen und sich aufmachen, auf eine
Reise in den Norden, denn "Norden bedeutet, den längeren Atem zu haben."

Die Motive, die hinlänglich bekannt scheinen, das Meer, Sanitärbaracken, Spuren im Sand, eine Insel im Kreis ohne Ende, diese Motive verzahnen sich korsettartig, auf eine seelische Weise beinahe hölzern mit den Fortbewegungsbemühungen der beiden Figuren. Schon an den Dingen, die für diesen Aufbruch zusammengestellt werden, läßt sich erahnen, wie sehr sie einer sinnlichen Verlorenheit nachhängen: gebrauchte Telephonkarten, Glühweingewürz, Hanfseil, Lupe "und ein leeres Heft, das sie Fahrtenbuch nannten und das leer bleiben würde." Eine Geschichte auch darüber, dass es beim Gehen schon lange nicht mehr darauf ankommt, die wahrgenommenen Dinge, beim Zurücklassen, diese Dinge noch kurz vorher als Koordinaten missbraucht zu haben, als Koordinaten  für ein Gehen, das sich so gebärdet, als wenn es auf Anfang und Ende, auf  Enge und Weite schon immer verzichten konnte. Wenn sich das Gehen vom Verlaufen nur dadurch unterscheidet, dass sich selbst die Ziellosigkeit erotischen Verhaltens, beim Gehen, als unbrauchbar erweist, wird es Zeit, sich ohne Rückkehrabsichten auf das Verlaufen einzulassen, genau wie in dieser Geschichte zwischen Alker und Bell, dem Alten und dem Jungen, deren Bewegungen sich darin erschöpfen, als kulinarische Kategorien allmählich zu versagen. Das unterscheidet sie auch nicht von den Bewegungen in der Natur:
"Herbst ist Abschied von den Knien." An dieser Stelle muss ich den wunderbaren Satz von Jürgen Ploog zitieren, dass "Bewegungen Erinnerungen an Berührungen sind." Einer von beiden wird nicht mehr zurückkehren, soll nicht mehr zurückkehren, aber wer, es kommt schon gar nicht mehr darauf an, so sehr war ich als Leser schon damit beschäftigt, mich auf dieser Reise zwischen Alker und Bell nicht selbst aus den Augen zu verlieren. "Ist es noch weit, fragte Bell. Diese Frage war nicht zugelassen."
Thomas Kunst
 

Nasser Sand, eingewachsen in das großmäulige Meer. Oder aus ihm herausgewachsen. Was auf dasselbe hinausläuft.Die Insel bleckte ihr Kreidegebiß nach Nordosten. Man konnte jeden Punkt auf ihr zu Fuß an einem Tag erreichen.Wer sie jedoch auf der Küstenlinie umrunden wollte, mußte schon einen Batzen Zeit mitbringen. Es war eine zottige, ausgefranste Küste, mit steinigen Strandabschnitten und Steilufern, in die sich die Brandung hineinschälte. Jetzt lag ein flacher, schmutziggelber Strand vor ihnen, vor Alker und Bell, die hier fremd waren wie überall. Zeit hatten sie mehr als nur einen Batzen. Wo sie auch hinkamen, die Zeit, die sie mit sich schleppten, wollte nicht abnehmen. Alker, das Meer, die Insel und Bell, daraus ließ sich was machen. Und Zeit, ganze Batzen von Zeit, daraus ließ sich erst recht etwas machen. Und Beleuchtung mußte noch her. Aufgepaßt, ihr da hinter dem Licht!



Heimkehr der Schwimmer 
Gedichte 
 
88 Seiten; 10 €, 21 SFR,  ISBN 3-910161-71-5 
mit Zeichnungen von Horst Mönch 

Das Gedicht als ein wieder neues Licht: Radikale Rückkunft in einer nochgrößeren Schleife: die Größere Wendung: Wie das Titelgedicht in Thomas Böhmes neuestem Gedichtband zählt die attribute in ihrer polaren Konstellation auf: Die haut, Der Herbst, Der Strand und die Schlehen. Die schmecken am besten nach dem ersten Frost. Eine Art Selbstbestimmung, gepaart mit der Gewißheit, daß es keinen Zusammenhang gibt, der außer Acht zu lassen wäre. Aber die Hoheit der Lippen ist es, die ihn als spaltbar bestimmt, und der Hohe Ton der Gedichte, ist es, der sich wie ein Schlußfirnis über das Hin und über das Her des verbalen legt. Diese Gedichte sind Sprache zwischen zwei Zeiten und nicht der Zeitgeist, der es ruhelos auf eine Eigentumswohnung abgesehen hat. 
S. Anderson 
 


schlafendes glas geweckt 
der erste sprach schon mit halbierter / wie mädchenhaft gebundner stimme / von hälsen in flamingofarben / von mundgeblasnen stundenvasen / mit ihnen eingeschliffnen salzen / woraus sich herbe kelche bogen, // der zweite hatte dünne häute / von flaschenbraunen ozeanen / und auch von brunnen abgezogen / und füllte sie mit schwarzem weine / das sie wie flache opferschalen / in schneegefärbten händen lagen, // der dritte nahm von schlanken spiegeln / die blauen und die silbertöne / ein meister der geklärten rede / und doch hielt er die doppelklinge / vor die verzückten augenpaare / gewappnet für die gläsernen orkane, 



Vom Fleisch verwilderte Flecken 
Ein latenter Roman 
 
104 Seiten; 12,50 €, 26 SFR,  ISBN 3-910161-64-2 
mit Foto-Grafischen Arbeiten von Joseph Snobl 
 
 
Andererseits die Empfindlichkeit für die Lichtverhältnisse, und die Heerstraßen dieser Erde als Stammbaum. Wer spricht da und wo sind wir überhaupt? Die Namen wechseln, wenn Thomas Böhme den Geist Rimbauds in der nächtlichen Stadt beschwört. Die Stadt mit ihren Mehl- und Malzfarben könnte Leipzig sein. Aber diese Bezüge handfester Namen verschwinden über die Magie der Sprache. Beim ersten Lesen habe ich dies am meisten bewundert, wie da Rhythmus aus Sprachbeherrschung entsteht, dunkler Trommelschlag als langsam dechiffrierbare Mitteilung. Die Bilder sind trübe in dieser leimgewordenen Wirklichkeit. Es ist, als hätte sich die Eindeutigkeit Leipziger Montagsdemos ins Comic geflüchtet aufgehobene Wirklichkeit der dritten Art! Während die frühen Gedichte Böhmens ohne weiteres von den Rolling Stones in Musik gesetzt werden konnten, zieht hier ein raunendes Volk über die mitteldeutsche Tiefebene. Doch löst sich die dramatische Bedrohung immer wieder in die muntere Aufforderung, eine Landpartie ins Auge zu fassen. Mutzschen- Mögeln-Mailand-Rom könnten die Ziele heißen. Der Steinschlag der Freiheit kräuselt auch die Oberfläche dieses Textes. Die an die Ufer schlagende Zeit schafft den Logos einer Über-Zeit, einer Über-Stadt. Thomas Böhme ist ihr Erzähler. 
Fritz Rudolf Fries 
 
 
 
Fel, den wir nicht, noch nicht, aus den Augen verlieren wollen, war wohl eine Zeitlang von seinen Klassenkameraden Rom genannt worden, da er als einziger Lateiner auch seine Vorliebe für Einsilbigkeit betonte. Bei solcher Namensausstattung mußte es schon mit dem Teufel zugehen, wenn Rom sich nicht unversehens in den zarteren, reichlich vom goldenen Schnitt komponierten Jul verlieben würde. Was zu geschehen hatte, geschah. Und es gab genügend literarisch Beleumundete, die den Zusammenhang spöttelnd erkannten. Wir denken bei einem so sich selbst genügenden Paar, wie es die beiden zuzeiten hervorkehrten, gern an die Helden unsrer maskulinen Nachtlektüre, und wie sie ihre Bünde mit einer Blutsvermischung bekräftigen. Hatte das Taschenmesser der Zeremonie noch im vorpubertärem Narzismus genügt, schien das Verreiben von etwas Sekret auf des anderen Hand nicht mehr zwingend für die Siegelung des Versprechens. Nacktheit war ihnen angelegen. Die Idee ... 


Alle Spur wird Fell 
Geschichten, Prosagedichte, Verse 
 
Reihe: Erzählungen im Druckhaus Galrev, Bandnummer: 15 
etwa 120 Seiten; 10 €, 19 SFR,  
ISBN: 3-933149-06-1, Warengruppennummer: 1 150 
Mit Fotografien von Philippe Frese

Wer die Begegnung mit den Prosa-Gedichten Thomas Böhmes zu einem Erlebnis gestalten möchte, dem sei empfohlen, das Kind in sich und den Heranwachsenden mit herbei zu rufen. 
Denn erst wenn diese drei Leserstimmen einander ergänzen, dürften sich Reize und Aromen dieser ganz und gar singulären Texte in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur genußreich entfalten. 
Böhmes abenteuernde Phantasie entführt ins Tabakland, in eine Stadt aus Seife und in Gärten des Grauens. Es sind Landschaften, wie von de Chirico oder Max Ernst gemalt, in denen ein Meer von Farben ausgegossen wird und doch oft genug die schöne Arabeske als des Schrecklichen Anfang (Rilke) erscheint. Textlandschaften, die von so merkwürdigen Figuren belebt werden wie sprechenden Pilzen, Holzessern, Lehrlingen der Vinetafabrik. Wie erst aber verhält es sich mit eingemytheten heizbaren Tieren, den dunklen Rätseln vom verrosteten Licht, den Augen der Steine? Mit einem Sprachgestus, der märchenhafte Verspieltheit und fröstelnmachende Groteske zu verweben versteht, inszeniert der Autor Verrückungen und Metamorphosen, die luzide Bilder, Imaginationen und Geschichten entbergen: Die wörtlich unter die Haut gehen und ein Du erspüren, denn: Den Mund voll Treppen hat man noch und in den Augen Brücken. 
Peter Geist 
 
 
ERNESTO UND DIE FISCHE 
 
Kaum sitzt Ernesto im Boot, springen die Fische 
herbei. Fische aus Sägespänen, Fische aus Styropor, Fische aus Blech. Fisch ist Fisch, sagt Ernesto, und als Mann muß er ja seine Familie ernähren. Fische aus Teppichfransen hat er schon an die Touristen verkauft. 
Abseits der großen Fangplätze ankert er, schaut auf das müde Meer, blickt zu den ausgehungerten Vögeln empor. Mal wirft er einen Bleistift und mal ein Stück Hotelseife nach ihnen. Die Schriftzüge auf den Gegenständen beeindrucken ihn nicht. Adlon oder Sheridan oder Hyatt. Geschenke, denkt er, Geschenke soll man am besten weiter verschenken. 
Und wieder widmet er sich dem Fischfang. Er siebt die sandigen, poliert die metallenen und zündet die Dochte der Kerzenfische. Wenn es dunkel ist, packt 
er sie in die Laterne und raucht einen Tabakfisch, den er aus seinem Stiefelschaft zieht. 
Irgendwann kehrt er heim. Morgens um sechs oder seltener schon nach Mitternacht. Wie spät es auch sein mag, seine Kinder drücken die Nasen am Fensterglas platt. Das macht ihn traurig, denn er kann ihnen immer nur dieselbe Geschichte erzählen. Die Geschichte von einem weißen, ganz mit zartem, rosigem Fleisch angefüllten Fisch, der die Länge des 
Bootes noch übertraf und nicht springen wollte, um die kleine Schaluppe Ernestos mit seiner Zentnerlast nicht zu zertrümmern. Seine Frau bringt ihm wortlos die Suppe vom Herd. 

 
Richard Anders Sascha Anderson Walter Aue Thomas Böhme Barbara Bongartz Alexander Brener Gesualdo Bufalino William Burroughs Guido Ceronetti William Cowper John Donne Paul Durcan Elke Erb Gerhard Falkner Gino Hahnemann Gerard Manley Hopkins Dzévad Karahasan Bob Kaufman Andreas Koziol Heiner Link Frank-Wolf Matthies Oliver Mertins Bert Papenfuß A. R. Penck Hermes Phettberg Jürgen Ploog Jacques Roubaud Astrid Schleinitz Wolfgang Schlenker Dieter Schlesak Uve Schmidt Kiev Stingl Jáchym Topol Franck Venaille Keith Waldrop Paul M. Waschkau Ulrich Zieger