Evgen Bavcar
Die Säge
Erzählung mit zahlreichen Fotografien des Künstlers
und einem Vorwort von Marc Sagnol
Edition Erzählungen im Druckhaus Galrev
ca. 80 Seiten, Bandnummer 23
15 € / 27,50 SFR
ISBN 3-933149-36-3
Warengruppennummer 1 111


Am Ende
des Lichts

Durch unseren Teil des Dorfes zieht schon lange nicht mehr jener unverkennbare Duft nach gesägtem Holz, der vor vielen Jahren die Nase des neugierigen Jungen so angenehm gekitzelt hatte. Doch wenn ich mich in Richtung Lahove auf den Weg mache,
trägt mir der Wind manchmal aus demSebastjan-Sägewerk eine Ahnung vom Duft frischer Sägespäne und die helle Stimme der sausenden Säge entgegen, beharrlich und schwärmerisch in ihrem gleichförmigen Tempo. Ich halte inne, und meine Gedanken eilen zu fernen Erinnerungen, die sich mehr und mehr in den Tiefen der Vergangenheit verbergen, wo ich den Jungen und seine Säge wiederfinde. Sie war genau wie diese hier, nur daß sie von klarem Wasser angetrieben wurde, das unter der Gora hervorquoll, freudig in die Schaufeln des großen Wasserrades lief und dann munter schäumend umherspritzte. Ebenso fröhlich und ausgelassen klang das Singen der Säge im Werk. Der Junge konnte stundenlang am Wassergraben umherstreifen, einer einzelnen Schaufel mit den Augen folgen, bis die letzten Tropfen hinunterflossen; oder er spähte durch die Spalten zwischen den Latten des Kastens, der das Rad im Graben verbarg. Die dicke und mächtige Holzwelle mit den verrosteten Eisenringen besaß rundum ebenso wuchtige und massive Kreuzbalken, die manchmal vor Mühe ächzten und jammerten. Damals schien dem Jungen das Rad wie ein Mensch, der müde und schwermütig klagte.





Narziss ohne Spiegel

Das letzte Bild, das Evgen Bavcar durch das Fenster seines Krankenhauses gesehen hat, ist die quietschend davonfahrende Straßenbahn von Ljubljana, auf deren hinterer Plattform ein Schaffner ihm zuzuwinken schien. Das war im Jahre 1957. Evgen Bavcar, elfjähriges slowenisches Kind, sollte von nun an unwiderruflich in die Welt der Nichtsehenden sinken. Bavcars Fotografien erschließen uns heute bruchstückhaft die versunkene Welt jenes sehenden Kindes, aus der Perspektive jedoch des Erwachsenen, des erblindeten Intellektuellen, der aus den Werken von Rilke, Proust, Benjamin und Kafka gespeist hat.

Wer Evgen Bavcar in Paris in den achtziger Jahren in Philosophie-Seminaren begegnete, verstand nicht sofort, dass er blind war. Die Fragen, die er stellte, seine Beiträge zur Diskussion waren so klug, dass man denken konnte, er sei die ganze Zeit in philosophische Werke vertieft. Das war nicht ganz falsch, aber es handelte sich nicht um Bücher, sondern um Kassetten, auf denen die Werke großer Philosophen – Hegel, Fichte, Marx, Bloch, Benjamin, Adorno – abgespielt wurden, und die er auf diese Weise las, d.h. hörte. Um das Paradoxon seiner intellektuellen Beschäftigung hervorzuheben schrieb er, wie eine Herausforderung, eine Arbeit über Ästhetik: „Bloch, Benjamin, Adorno und der deutsche Expressionismus“. Erst später, 1989, entdeckte man mit wachsendem Staunen in der Presse, dass er auch fotografierte, als er eine seiner ersten Ausstellungen in Straßburg hatte, „Narcisse sans miroir“, Narziss ohne Spiegel, und dass es sich dabei um bedeutende Kunstwerke handelte.

Aus dem Vorwort von Marc Sagnol:
Evgen Bavcar, Ikonograph des Gedächtnisses.



  
Foto: privat
Walter Aue, Evgen Bavcar
Am Ende des Lichts 
die Bilder des blinden Fotografen Evgen Bavcar 
mit Essays von Walter Aue
ca. 200 Seiten; Edition qwert zui opü;
17,50 € / 32,50 SFR
ISBN 3-933149-23-1        
Presse:
Er halte ihn für den "vierten Erfinder der Fotografie", sagt Walter Aue, Autor zahlreicher Essays, die sich mit dem Werk Evgen Bavcars beschäftigen. Wenn Niepce, Fox Talbot und Daguerre die technischen Grundlagen gelegt haben, um die sichtbare Wirklichkeit abzulichten, dann ist Bavcar derjenige, der das Unsichtbare belichtet. "Und Bavcar wird immer anders fotografieren als jeder andere",  fährt Aue fort, "denn Bavcar ist blind."
(...)
Was Bavcars Interesse weckt, sind Geräusche, das lahme Schleifen eines Pappkartons, den ein alter Mann über den Bürgersteig zieht, das flatternde Rauschen aufsteigender Tauben, ein vorüberfahrendes Auto. Er hält die Kamera in die ungefähre Richtung und drückt auf den Auslöser. Den Bildern des promovierten Philosophen sei eine Jungfräulichkeit des unverdorbenen Sehens" eigen, meint Aue, die man künstlich nicht herstellen kann.
(...) 
Freunde müssen ihm erklären, was auf den Kontaktabzügen zu sehen ist. Erst in dieser Beschreibung werde das Bild vollendet, meint Aue. "Das ist eine ungeheure Provokation, dass ein Blinder andere das Sehen lehrt." Eine Provokation, die auch dem selbst erklärten Fährtensucher Aue keine Ruhe ließ, als er von Bavcars Wirken durch eine Zeitungsnotiz erfuhr. Mittlerweile hat er Dutzende Essays über den weltberühmten Fotografen veröffentlicht, dessen Frage "Was siehst du? " ihn immmer wieder zur Auseinandersetzung angeregt hat.

Kai Müller 
Der Tagesspiegel, 2.12.2002
 
 









Der Berliner Autor Walter Aue, der auch als Förderer konzeptioneller Kunst bekannt ist, hat sich seit den 80er Jahren, als er dem blinden Fotografen Evgen Bavcar in Paris begegnete, zahlreiche Ausstellungen seiner Arbeiten in Hamburg, Köln und Berlin organisiert und Bavcar aufgrund seiner Katalogtexte, Hörspiele und Feature, die er über ihn schrieb, in Deutschland bekannt gemacht: Daß ein Blinder fotografiert und sogar als Dozent der Berliner Sommer-Akademie seinen Studenten das Sehen beibringen konnte, obwohl er seine eigene Fotografie niemals selber sehen kann, war für Walter Aue immer eine provozierende Herausforderung, um das eigene beschreibende Sehen infrage zu stellen. So entstand im Laufe der Jahre und aufgrund vieler gemeinsamer Arbeitsprojekte eine sich gegenseitig fördernde, tiefe Freundschaft zwischen den beiden, die jetzt zu diesem ungewöhnlichen Buch geführt hat, in dem neben den Texten von Walter Aue unveröffentlichte Arbeiten von Evgen Bavcar enthalten sind.


 
Nein, er will keine Wiedergabe der Realität: Keine Zeitgeistleere, keine wilde Selbstbezichtigung. Die Nachahmung und Addition des Sichtbaren ödet ihn an. Seine Bilder sind zuallererst die Bilder von Geräuschen, Ohrenbilder oder Erinnerungsbilder, schwarzweiße Grauwerte, verwackelte, zugeschüttete Gegenständlichkeit, richtungslose Identitäten.
Das In-die-Irre-gehen eines Blinden hat für uns einen besonderen Reiz: Wir erwarten, das er uns etwas mitbringt aus dieser Irre, aus diesem erbarmungslosen Dunkel seiner Blindheit. Die Spinngewebe von Kinderängsten sobald man sich die Augen zubinden ließ, jener letzte Krümel Licht, bevor sich die Kellertüren schlossen.
Evgen Bavcar ist ein Fotograf, der uns permanent ein schlechtes Gewissen macht: Weil wir sehen, was er nicht sieht, der Ewighungernde, während wir in der täglichen Bildübersättigung zugrunde gehen, an Überfluß verkrüppeln, erblinden. Und Bavcar triumphiert, weil ihn das Dunkel schützt, weil ihm seine inwendigen Bilder erhalten bleiben. Bavcar der Schamane, der Fremdling, der Zugewanderte aus Slowenien, horchend mit weit geöffneten Ohren.
Und immer wieder emporblickend aus der Tiefe seiner Schwärze. Der Blick vom Auge losgelöst, ein inwendiges Sehen, vom Auge befreit. Und Tiefe heißt immer Fremde, Unbekanntes, Verborgenes. Ein Verwischen von Unterscheidungs-Merkmalen. Und draußen diese monströse Helligkeit des Sonnenlichts. 
Und mit Hilfe seiner tastenden Hände und der registrierten Geräusche entwickelt Bavcar eine Bildsprache ähnlich dem beschreibenden Wort, das die Sichtbarkeit der Dinge möglich macht. Die Sprache entmachtet die Dunkelheit. Und deshalb seine sehnsuchtsvolle Hinwendung zur Literatur, jener abgewandten Kunst, mit der sich das Unsichtbare und Ungreifbare so treffend darstellen läßt: Die Sprache als Auge. Die Sprache als Herberge der Gegenstände. 
Blindsein und fotografieren empfinden viele als etwas Obszönes, als etwas Ungehöriges. Aber Bavcar erfindet Bilder, um zu überleben. Für ihn ist die Herstellung eines Bildes ein Akt der Freiheit. Und genau diese Freiheit empfinden die angeblich Sehenden als obszön, weil er ihr eigenes Sehen damit infrage stellt.
 
 
Richard Anders Sascha Anderson Walter Aue Thomas Böhme Barbara Bongartz Alexander Brener Gesualdo Bufalino William Burroughs Guido Ceronetti William Cowper John Donne Paul Durcan Elke Erb Gerhard Falkner Gino Hahnemann Gerard Manley Hopkins Dzévad Karahasan Bob Kaufman Andreas Koziol Heiner Link Frank-Wolf Matthies Oliver Mertins Bert Papenfuß A. R. Penck Hermes Phettberg Jürgen Ploog Jacques Roubaud Astrid Schleinitz Wolfgang Schlenker Dieter Schlesak Uve Schmidt Kiev Stingl Jáchym Topol Franck Venaille Keith Waldrop Paul M. Waschkau Ulrich Zieger