Slam Poetry! 
Heftige Dichtung aus Amerika 
(Paul Beatty, Neeli Cherkovski, Alan Kaufman, Dominique Lowell, Luis J. Rodriguez, Patricia Smith),
mit Zeichnungen von Sarah Marrs 

96 Seiten; 10 €, 19 SFR, ISBN: 3-910161-47-2 
       
 
 
 
 
Wer ausschließlich große, unsterbliche Poesie erwartet, der ist falsch bedient mit diesem Band: Slam! Poetry ist Avantgardekunst von hohen Graden, geschrieben für den Augenblick, nicht für die Ewigkeit - Originalität und Authentizität sind allemal am wichtigsten. Das erfordert Mut - einen Mut, der auch jungen Dichtern in Deutschland zu wünschen wäre. 
Holger G. Ehling 
...Anders als bei den Beats wuchs die vorderste Reihe der neuen Bewegung aus Bevölkerungsschichten, die durch den verschanzten Konservatismus des amerikanischen Lebens gefährdet waren und somit die Mannigfaltigkeit der amerikanischen Landschaft weit besser als die Beats repräsentierten: Afro-Amerikaner, Latinos, Juden, Asiaten, Schwule und Lesben, arbeitslose Weiße, Obdachlose, jugendliche Trebegänger und Frauen, deren grundlegende Bürgerrechte aufs neue bedroht sind. Begabt und politisch engagiert artikulierten sie die überall fühlbare Unzufriedenheit mit der amerikanischen Gesellschaft und Kultur, die sich 1990, allgegenwärtig, zur Wut steigerte. In Lesungen im ganzen Land, in Underground-Auditorien wie Wordland in San Francisco, Green Mill Tavern in Chicago und dem Nuyorican Poets Café in New York City, zerreißen die Stimmen der neuen Poesie den tödlichen Schleier aus Angst und Schweigen, der sich über Amerika gelegt hatte. 
Alle hier vorgestellten Dichter - Dominique Lowell, Neeli Cherkovski und Alan Kaufman aus San Francisco, Patricia Smith aus Boston, Luis J. Rodriguez aus Chicago und Paul Beatty aus New York - entstammen Schauplätzen, die die Epizentren der neuen Bewegung bildeten. 
Als Gruppe sind wir multikulturell in der Zusammensetzung, antifaschistisch im Auftreten und somit repräsentativ für die meisten Open Mike/Spoken Word-S zenen in Amerika. Auch teilen wir bestimmte Erfahrungen und Kriterien, die typisch sind für die neue amerikanische Poesie: Fast alle sind wir Veteranen des Poetry Slam ..., wir lesen häufig bei Open Mikes..., und wir haben eine Anzahl Bücher in Kleinverlagen veröffentlicht, die unter unsersgleichen und unseren Verehrern von Hand zu Hand und Küste zu Küste weitergegeben werden. 
(Aus dem Nachwort von Alan Kaufman) 
 
 
 
 
Skinhead 
Sie nennen mich Skinhead, und ich hab meine eigene Schönheit. 
Sie steht messer-gekritzelt auf meinem Rücken in entzündeten zackigen Lettern, 
sie liegt darin, wie meine Augen vom Offenkundigen wegschwappen. 
Ich sitze in meiner winzigen trüben Bude, 
auf der Kante des Betts, das von meinem zerfransten Geruch durchwühlt ist, 
gleite mit Rasiermessern durch mein Haar, 
und zähle, auf wie viele Arten 
ich Blut näher an die Oberfläche meiner Haut bringen kann. 
Dies sind die Pflichten der Gerechten, die Sitten der Gesalbten. 
 
Das Gesicht in meinem Spiegel ist riesig und pockennarbig, 
rosa und prächtig zerschabt, mit Apfelbäckchen, 
voll von meiner eigenen Kotze. 
Vor zwei Jahren riß eine Maschine zum Lederschneiden 
meine Hand mit hinein und hielt sie fest, 
hackte drei Finger ab bis zur Wurzel. 
Ich hab nichts gespürt, bis ich runterblickte 
und einen davon auf dem Fußboden liegen sah 
neben meinem Stiefelabsatz, 
und ich hab nicht mehr gearbeitet seitdem. 
 
Ich sitze hier und beobachte, wie die Nigger mein Fernsehen überschwemmen, 
wie Könige spazieren sie in meinem Kopf die Bürgersteige auf und ab, 
als ob ihre fetten schwarzen Mamas sie Freiheit genannt hätten. 
Meine Schultern sagen mir, daß das nicht in Ordnung ist. 
 
Also gehe ich raus in die Sonne, 
wo meine Schönheit sie ihre Köpfe senken läßt, oder in die Nacht, mit einem Bleirohr in meinem Ärmel, 
einem Rasiermesser in meinem Stiefel. Ich bin dazu geboren, Ordnung zu schaffen. 
 
Es ist einfach meinen schweren Körper ins Dunkle zu bringen 
und von einem Ort, wo nichts los war, 
in den Lichtkegel einer Straßenlaterne, 
das Rohr hoch über meinen Kopf erhoben. 
Es ist ein Jux, ihre Augen größer werden zu sehen, 
rund und schimmrig wie von dem Jungen im Dschungelbuch, 
genau in dem Moment, wenn sie begreifen, 
das Rohr wird auf sie niedersausen, und ich habe etwas, 
das ich dann gern zu ihnen sage, hör zu, ich sag zu ihnen 
"Hey, Nigger, Abe Lincoln ist schon lange tot." 
 
Ich krieg ´nen Harten, wenn ich ihre Haut aufplatzen höre, 
Ich bin dazu geboren, Ordnung zu schaffen. 
 
Dann kommt dieser Kerl von der Zeitung vorbei, 
ich war wohl ´n bißchen schlampig, als ich diesem Schwulen in die Eier trat 
und er riß den Arsch auf und schrie herum. 
Dieser Reporter findet mich verkrochen im Bett, 
diese Fernsehlichter lecken mein Gesicht sauber. 
Immer die gleiche Scheiße. 
Krieg keinen Job, die Schwarzen und die Kanacken haben sie alle. 
Warum ich nicht arbeite? Sieh dir meine Hand an, du Arschloch. 
Nein, ich bin nicht in einer organisierten Gruppe, 
ich bin bloß ein weißer Mann, der seine Rasse liebt, 
der für ein saubres Land kämpft. 
Manchmal bin ich allein. Manchmal zu dritt. Manchmal 30. 
AIDS wird sich um die Schwuchteln kümmern, 
dann wirds losgehen mit Weiße gegen Schwarze, auf der Straße, 
dann werden es drei Millionen sein. 
Das hab ich ihm gesagt. 
 
Und er schreibt es auf 
und ich hab ´nen Auftritt wie so ´ne Art Freak, 
als ob ich Hitler persönlich wär. So viel Glück hab ich zwar nicht, 
aber ich hab meine eigene Schönheit. 
Sie steckt in meinen Stahlkappenstiefeln, 
in den harten Kanten meines rasierten Kopfs. 
Ich schau in den Spiegel und halt meine zermangelte Hand hoch, 
nur der kleine Finger übrig, er steht irgendwie ab, 
ich weiß, es ist der gottverdammte falsche Finger, 
aber zum "Fuck you" reicht´s trotzdem. 
Ich balancier auf der obersten Sprosse der vollkommensten Rasse, 
mein Gesicht ist rosa und prächtig zerschabt. 
Ich bin dein Kind, Amerika, dein Sohn, 
besoffen von meiner eigenen Kotze, und ich bin verdammt ekelhaft schön. 
 
Und ich bin geboren 
 
und aufgewachsen 
 
nirgends als hier. 
 
Patricia Smith 


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