Auf der Suche nach dem verlorenen Leid 
Neue russische Literatur,
herausgegeben von Katja Lebedewa
 

15 €, 27,50 SFR, ISBN 3-910161-25-1 
       
 
 
 
 
Autoren: Natalja Gorbanjewskaja, Dmitri Saks, Swetlana Iwanowa, Olga Martynowa, Jelena Schwarz, Oleg Jurjew, Nikolaj Bajtow, Igor Wischnewezki, Oleg Grigorjew, Igor Cholin, Viktor Korkia, Andrej Monastirski, Dmitri Prigow, Lew Rubinstein, Sergej Wolf, Alexander Baschlatschow, Alexander Lawrin 
 
Dieser Band ist die erste umfassende Darstellung neuer und jüngerer Autoren aus der GUS. Ihre Arbeiten entstammen den zwei großen literarischen Zentren St. Petersburg und Moskau und den literarischen Zentren des russischsprachigen Exils, Frankreich und den USA. Es ist eine Literatur, die in den Jahren vor der Perestroika nicht veröffentlicht wurde und sich -ähnlich der in der ehemaligen DDR- deshalb selbst verlegte. Bis zur Mitte der achtziger Jahre kursierten diese Text im Sam-Isdat (Selbstverlag), Magnit-Isdat (Tonbandverlag) und Tam-Isdat (Dort-Verlag, das heißt im westlichen Ausland). 
Das Leben und Arbeiten russischer Autoren ist in der heutigen GUS großen Veränderungen unterworfen. Natürlich haben es Schriftsteller und Dichter nach den Jahren der Perestroika leichter als in den Jahrzehnten der Diktatur, da es keine staatliche Zensur mehr gibt. Andererseits gibt es in Rußland nach wie vor eine Zensur des schlechten Geschmacks, die Zensur literarischer Cliquenwirtschaft, die Zensur der Unkultur und eine langsam, aber stetig einsetzende Abhängigkeit von kommerziellen Zwängen. So ist das Verlagswesen gegenwärtig von einer durch steigende Energiepreise verursachten Papierknappheit schwer betroffen. Große Verlagshäuser, die jetzt im Zentrum einer anderen und neuen russischen Literatur hätten werden können, schließen ihre Pforten und entlassen die Mitarbeiter. Aus diesem Grunde haben es junge russische Autoren auch heute noch schwer, im eigenen Lande veröffentlicht zu werden. Viele Autoren ziehen es daher vor, in das Ausland zu gehen oder im Ausland zu veröffentlichen. Der Prozeß der Emigration geht weiter, wie das Beispiel des jüdischen Autors Oleg Jurjew zeigt, der St. Petersburg wegen des wachsenden Antisemitismus verließ und seit zwei Jahren in Frankfurt/Main lebt. Andere Autoren sind, wie Dmitri Prigow, ständig zwischen Europa Amerika und der GUS unterwegs, um nach neuen Existenzmöglichkeiten zu suchen. 
Zu den Gruppierungen, die die gegenwärtige literarische Diskussion in der GUS bestimmen, zählen unter anderem die Gruppe "Kamera Chanenia" (eine in St. Petersburg von zehn Autoren initierte Gruppe, die den Modernismus als eine Kultur versteht, die ihre eigene Tragödie erkennt, und die sich als Gruppe einerseits "von der seelenlosen Avantgarde" und andererseits "von der Sowjetkultur" abgrenzt), die Gruppe "Retro-Avantgarde" (eine in Moskau von Malern, Plastikern und Autoren gebildete Gruppierung, die 1992 mit einem Almanach "Verzeichnis handelnder Personen" hervorgetreten ist), die Gruppe "Der Kwas ist bestellt" (eine Gruppierung, zu der Anrej Tumkin und Juri Schigoljew gehören und die in Moskau mit szenischer Literatur und Happenings auf sich aufmerksam machte) und die Gruppe "Kollektive Aktionen" (eine 1976 in Moskau von Nikita Alexejew (*1953), Georgi Kiesewalter (*1953), Andrej Monastirski (*1949) und Nikolaj Panitkow (*1952) gegründete Vereinigung, die Aktionen zunächst außerhalb Moskaus und in der Natur, dann ab 1983 auch innerhalb der Stadt durchführten. Ihre Dokumentationsbände schienen ausschließlich im Sam-Isdat). 
Verschiedene Autoren des Bandes sind der z.Z. vorherrschenden und über die Gruppen hinausgehenden Richtung "SozArt" verpflichtet. "SozArt" verbindet auf höchst amüsante und intelligente Weise den "sozialistischen Realismus" mit der Popart. "SozArt" ist ein ironisches Spiel mit der Ikonographie der Macht, das sowohl von bildenden Künstlern als auch von Autoren benutzt wird. "Ein an Haßliebe grenzendes Interesse an den Schablonen sozialistischer Massenkultur zeichnet diese Gruppen aus. Diese Lyriker sitzen nicht mehr im Kellerloch oder in Nischen, sondern beschmieren Häuserwände, Transparente, Plakate und Denkmäler. 
Katja Lebedewa 
 
 
 
 
"Alle Dichter, Bruder Baratynski", sagte Gonobobl zu dem gerade eine Pfütze umschiffenden Abrascha, "lassen sich in zwei grundlegende Klassen einteilen, in die, welche jammern, und in die, welche bellen. Prochor Samuilowitsch, zum Beispiel, der jammert, als hätte er Zahnschmerzen. Und er sieht alle schief an oder wenn er irgendwas zusammenlügt ...Und Stjopka starrt auf den Boden und kläfft langsam, so, als wäre er ein rasierter Pudel..." 
"Schluß! Wenn nicht hier, dann nirgends!" Abrascha thronte rittlings auf einem Balken und schaute erregt in Gonobobls Notizbuch. "Könnten wir nicht einen Fehler gemacht haben?", fragte Abrascha streng und landete in der schon fast umschifften Pfütze. 
"Du hast sie wohl nicht alle?!", erhitzte sich Gonobobl, während er sich das Buch vor die Brille hielt. "In der Ersten gibt es sowas nicht. Die Zweite, die Dritte und die Fünfte, ja und auch die Siebente, fallen weg - ich hab die ganze Bibliothek durchgelesen. In den übrigen waren wir schon. Also, die letzte, wie man - wenn man so sagen darf - zu sagen pflegt, Chance ist der Kaufmann Jerofejew - von der ersten Gilde -, ein Sympathisant!" Abrascha zog den Dietrich unter der Achsel hervor und berührte damit das dicke rostige Schloß. 
 
Oleg Jurjew "Gonobobl und die Anderen
oder Auf der Suche nach der verloren Zeit"
 


Richard Anders Sascha Anderson Walter Aue Thomas Böhme Barbara Bongartz Alexander Brener Gesualdo Bufalino William Burroughs Guido Ceronetti William Cowper John Donne Paul Durcan Elke Erb Gerhard Falkner Gino Hahnemann Gerard Manley Hopkins Dzévad Karahasan Bob Kaufman Andreas Koziol Heiner Link Frank-Wolf Matthies Oliver Mertins Bert Papenfuß A. R. Penck Hermes Phettberg Jürgen Ploog Jacques Roubaud Astrid Schleinitz Wolfgang Schlenker Dieter Schlesak Uve Schmidt Kiev Stingl Jáchym Topol Franck Venaille Keith Waldrop Paul M. Waschkau Ulrich Zieger